Begnadete Pädagogin oder Rassistin – wer war Maria Montessori?

Liebe Inklusoren*Innen,
ein erst kürzlich angelaufener Kinofilm und ein Sachbuch verhandeln die Titelfrage neu. Maria Montessori gilt als Klassikerin der Pädagogik. Sie hat unser Bild vom Kind verändert, weil sie überzeugt war, dass es lange vor der Schulzeit lernen und sich bilden kann. Kinder sind keine Objekte der Erziehung, sie fangen früh an, selbsttätig die Welt zu erkunden – das war ihre Erkenntnis. Montessoris Antagonist war Friedrich Fröbel. Er gründete den Kindergarten, Montessori das Kinderhaus. Fröbel ging es um den Wert des Spiels, Montessori sprach von der Arbeit der Kinder beim Lernen. Die beiden sind die bedeutendsten Begründer der Kind-zentrierten vorschulischen Bildung.
Der Kinofilm Maria Montessori zeigt, wie sie sich im Heilpädagogischen Institut in Rom liebevoll mit der Förderung behinderter Kinder beschäftigt; in dem Buch Der lange Schatten Maria Montessoris dokumentiert die österreichische Erziehungswissenschaftlerin Sabine Seichter, dass Montessoris Weltbild rassistisch und eugenisch war. Wer war Montessori also wirklich? In unserem Filmbeispiel ein Original-Interview von XY dazu.
Der Bildungsforscher Heiner Ullrich, der sich u.A. an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, sein Forscherleben lang mit Reformpädagogen beschäftigt hat, sagt über ein Leben voller Widersprüche:
„Ich wäre vorsichtig, Montessori als besonders kinderlieb, fürsorglich oder empathisch zu bezeichnen. Das gehörte nicht zu ihrem Verständnis von Erziehung. Sie war mit Sicherheit nicht die Vorreiterin von Integration und Inklusion behinderter Kinder. Diese nannte Montessori „anormale Kinder“, „Idioten“, „Schwachsinnige“, „Monster“. Auch die Gesellschaft wollte mit diesen Kindern nichts zu tun haben, die wurden von ihren Familien oft weggesperrt und vernachlässigt. Montessori arbeitete um 1900 aus reinem Forschungsinteresse mit ihnen, sie wollte wissen, wie weit sie sich noch entwickeln können. Ich war erschrocken über ihre Befunde, obwohl vieles bereits bekannt war. Montessoris Nähe zu Mussolini etwa, der ihre Methoden an den italienischen Schulen einführen wollte. Nun aber wird der Schatten länger, für die Anhänger der Bewegung ist das nicht leicht zu verkraften.“ oder
„Sie wollte das ‚neue Kind‘ erschaffen, das die Menschheit voranbringt und vollkommener macht. Sie sprach auch von einem „Erlöserkind“ oder vom „Normalisieren“ des Kindes. Als Empirikerin war sie stark am Vermessen des Kindes interessiert. Sie hat Größe, Gestalt, Gesichts- und Schädelform gemessen. Das statistisch normale Kind galt als Orientierung. Sie hat daran geglaubt, dass jedes Kind einen immanenten Bauplan in sich trägt und eine Höherentwicklung und Steigerung des geistigen Potenzials möglich ist. Die Schulen glichen damals Anstalten, in denen Kinder in ihren Bänken gefesselt saßen, bewacht von strengen Erzieherinnen und Lehrern. Montessori schaffte im ersten Kinderhaus in Rom, der Casa dei bambini, deren Leitung sie 1907 übernahm, die Klassenräume ab, es gab keinen Stundenplan, keine festgelegten Zeiten. Es gab Räume zum gemeinsamen Kochen und Backen. Das war ein höchst innovativer Ansatz! Montessori hat das Kind befreit, wollte, dass es sein Lernen selbst steuert. Aber immer mit der Unterstützung einer Lehrperson, die wie von unsichtbarer Hand und mit all den bis heute verwendeten Montessori-Materialien die Lernumgebung des Kindes vorbereitet hat – ganz nach Montessoris Motto: Hilf mir, es selbst zu tun.“
 
Maria Montessori, eine Person voller Spannungen und Widersprüche, oder was denkt Ihr?

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©Goldi

P.S.: Vielen, lieben Dank auch an https://www.youtube.com/@AMIMontessori für das Video.