Liebe Inklusoren*Innen,
lange kämpfte Sweet Anita gegen Ausgrenzung. Auf Twitch aber hat sie dank ihrer Tourette-Tics Millionen Fans und wurde zur Aufklärerin. Doch der Erfolg hat wie so oft seinen Preis:
Misstrauen, Hassnachrichten und Stalking.
Hunderte Besucher der TwitchCon in Rotterdam versammeln sich Ende Juni vor der Bühne für eine Gameshow, angelockt von einer Moderatorin, die sie ungeniert beleidigt. „Y’all sluts“, „ihr seid alle Schlampen“, schmettert sie ins Publikum, hebt den Mittelfinger und kichert. „Bekomme ich einen Tipp?“, fragt einer der Teilnehmer. „No, fuck off!“, „Nein, verpiss dich!“, antwortet sie. Die Menge lacht. Sweet Anita, wie sie sich nennt, ist einer der Stars der Convention, die von Amazons Livestreaming-Plattform Twitch veranstaltet wird. Die Britin ist eine der bekanntesten Streamerinnen weltweit – und sie hat das Tourette-Syndrom, eine neurologische Erkrankung, die sich in unwillkürlichen sogenannten Tics äußert, also in sich wiederholenden Bewegungen wie dem Zucken der Arme, dem Ausstoßen von Lauten – oder eben, wie bei Anita, in vulgären Äußerungen und Gesten. Mit diesen Tics hat sich Anita, 34, deren echter Name nicht öffentlich bekannt ist, in wenigen Jahren ein Millionenpublikum geschaffen: 1,9 Millionen Follower auf Twitch, 2,3 Millionen auf TikTok und 1,55 Millionen auf YouTube. Die Krankheit sei bereits in ihrer Kindheit ausgebrochen, sagt sie. Bis zur Diagnose sei es ein langer Weg gewesen, was vor allem an ihrem instabilen Umfeld gelegen habe. Anitas Mutter, alleinerziehend, sei selbst gesundheitlich schwer belastet und oft bettlägerig gewesen. Anita habe früh Verantwortung übernommen und sich um den Haushalt gekümmert, häufig sei sie auf sich allein gestellt gewesen: „Als Kind wurde ich nicht wirklich beaufsichtigt. Niemand hat mir geholfen herauszufinden, was mit mir nicht stimmte.“ In der Schule führten ihre Tics zu Unverständnis, Mobbing und schließlich zu Gewalt, erzählt sie. „Einmal prügelte mich eine Gruppe von Jungen bewusstlos und brach mir mehrere Knochen. Da habe ich beschlossen, dass es keinen Sinn hat, zur Schule zurückzukehren.“ Mit 13 Jahren brach sie die Schule ab, sagt Anita. „Von da an hatte ich praktisch keinen Zugang zu formaler Bildung.“ Sie habe sich zurückgezogen, ihre Angst, mit ihren Tics andere Menschen zu verärgern oder auf Ablehnung zu stoßen, wuchs. „Ich habe drei Jahre lang kaum das Haus verlassen“, sagt sie. Mehrfach habe sie als Teenager und junge Erwachsene ärztlichen Rat gesucht, um herauszufinden, warum ihr Körper und ihre Stimme scheinbar ein Eigenleben führten, sagt sie. Eine Antwort hätten die Ärzte erst einmal nicht gehabt. Man habe sie für „aufmerksamkeitsbedürftig“ gehalten oder seltsame Fragen gestellt wie: „Hören Sie Stimmen? Glauben Sie, Sie haben magische Kräfte?“, erzählt Anita. Es habe bis zu ihrem 27. Lebensjahr gedauert, bis sie endlich die Diagnose erhielt: Tourette-Syndrom. „Das war der Moment, in dem mein Leben begann“, erinnert sich Anita. „Alles, was ich brauchte, war dieses eine Wort, mit dem ich mich erklären konnte.“ Doch der Erfolg hat einen Preis. Neben Bekanntheit und Geld brachte ihre Sichtbarkeit im Internet auch Gefahren mit sich. „Stalking ist ein Teil meines Alltags geworden“, sagt sie. „Es gibt Menschen, die Hunderte von Nachrichten am Tag schicken, mich verfolgen oder versuchen, in mein Leben einzudringen.“ Selbst Morddrohungen erhält sie nach eigenen Angaben. Ihre Identität hält sie so gut es geht geheim, auch ihren Wohnort. Ihre sozialen Kontakte seien streng limitiert, nur ein enger Kreis von Freunden kenne ihre Adresse. Sie zahle fast ausschließlich in bar, vermeide es, ihren echten Namen preiszugeben. Taxis schicke sie an falsche Adressen und laufe das letzte Stück. In einen Pub um die Ecke gehen, wie es viele Briten regelmäßig tun, mache ihr Angst. Obwohl sie Drohungen gemeldet und Beweise gesammelt habe, bleibe sie häufig allein mit dem Problem, die Polizei helfe ihr kaum. „Das System schützt Menschen wie mich nicht ausreichend“, erklärt sie. „Das geht den meisten Live-Streamern so.“ Und dann seien da noch die vielen Hassnachrichten, die ihre Tourette-Erkrankung ins Visier nähmen: „Ich werde ständig beschuldigt, meine Tics zu faken oder Aufmerksamkeit zu suchen.“ Trotz der Gefahren und Belastungen, die mit ihrem Beruf einhergehen, will Anita weitermachen: „Ich liebe, was ich tue, und ich weiß, wie wichtig meine Arbeit ist.“ Anita setzt sich für Projekte zu Inklusion und mentaler Gesundheit ein, außerdem für den Tierschutz. Regelmäßig sammelt sie in ihrem Stream Spenden für entsprechende Organisationen: „Ich bin in meinem Leben oft durchs Raster gefallen, jetzt habe ich genug Geld und Einfluss, um manche dieser Löcher im System zu stopfen.“ Unser Video zeigt Sweet Anita bei den Streamer Awards, das Event lief wie eine Gala zur Filmpreis-Verleihung ab. Zu Spitzenzeiten sahen alleine live auf Twitch über 350.000 Leute zu.
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©Goldi
P.S.: Vielen, lieben Dank auch an www.youtube.com/@SweetAnita für das Video.